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Wissenschaft:

KiMiss & Wissenschaft

Eine Kooperation des KiMiss-Instituts & der Universität Tübingen.
Das KiMiss-Projekt erarbeitet Definitionen zu Kindesmissbrauch und -misshandlung. Besonders berücksichtigt werden die Formen des nicht-sexuellen Missbrauchs, der im Kontext von Trennung und Scheidung als emotionaler, seelischer oder psychologischer Missbrauch auftreten kann. Dies betrifft auch Elternverhaltensweisen, die zu Eltern-Kind-Entfremdung führen können.

KiMiss = Hostile-Aggressive Parenting

Der Begriff KiMiss behandelt eine in Deutschland kaum behandelte Problematik, die in der internationalen Fachliteratur unter Begriffen wie hostile-aggressive parenting oder inter-parental hostility geführt wird (etwa: feindselig-aggressives Elternverhalten oder Eltern-Feindseligkeit). Fachliteratur in frei zugänglichen Datenbanken findet sich z. B. bei PubMed oder Google scholar. Das KiMiss-Projekt setzt einen Startpunkt zum Füllen dieser Lücke in Deutschland.

Kann man Kindeswohl messen?

Ja.
Denn Kindeswohl ist eine kindliche Lebensqualität, die ebenso geschätzt werden kann, wie andere Maße der Lebensqualitäts-Forschung. Die Lebensqualität von Kindern rückte v. a. durch die Corona-Pandemie stärker in den Vordergrund (siehe z. B. RKI). Die im Familienrecht verbreitete Auffassung "Kindeswohl ist ein unbestimmter Rechtsbegriff" bedeutet also nicht, dass Kindeswohl nicht bestimmbar wäre, sondern lediglich, dass es im Familienrecht nie bestimmt wurde. Kindeswohl als kindliche Lebensqualität zu behandeln, erfordert die Berücksichtigung methodischer Aspekte wie folgt.

Variabilität von Beurteilungen

Missbrauchs-Definitionen unterliegen menschlicher Beurteilung, und diese kann selbst dann unterschiedlich ausfallen, wenn Experten aus der gleichen Fachrichtung heraus einen identischen Sachverhalt beurteilen. Problematischer wird dies in der familiengerichtlichen Praxis, wenn Zuständige, die aus verschiedenen Fachrichtungen kommen, zu einer gemeinsamen Beurteilung bzw. Entscheidung kommen müssen.
Das KiMiss-Projekt quantifiziert die Variabilität von Missbrauchs-Beurteilungen unter Berücksichtigung der verschiedenen Fachrichtungen. Auf diese Weise werden diagnostische Instrumente zur Entscheidungsfindung beim Thema Kindesmissbrauch und -misshandlung geschaffen und Schwellenwerte bestimmt.
Grundlage des KiMiss-Projektes ist ein Rating-Verfahren, in welchem verschiedene Fachrichtungen (Justiz, Sozialarbeit, Psychologie, Medizin, etc.) Fallkonstellationen im Kontext von Trennung und Scheidung beurteilen. Kern des Projektes bildet die sogenannte KiMiss-Liste, die auch den KiMiss-Studien 2012 und 2016/17 zugrunde liegt.

Prävention: Kindesmissbrauch und -misshandlung als Folge von hostile-aggressive parenting erkennen und vermeiden

KiMiss-Methodik detektiert Probleme sensitiv, durch Früherkennung & Diagnostik ('frühe Sachverhaltsermittlung'), bevor in Kindesangelegenheiten sorgerechtliche Interventionen notwendig werden. Langfristig ist daher erforderlich, dass die hier entwickelten Definitionen nicht nur einer Experten-Sichtweise genügen, sondern auch dem gesellschaftlichen Konsens entsprechen.

Fachbereiche

Die Übersetzung menschlicher Beurteilungen in quantifizierbare Größen erfordert Methoden der statistischen Modellierung, und die Ableitung von Schwellenbedingungen aus einem Prozess der Entscheidungsfindung erfordert Methoden der mathematischen Modellierung. Aufgrund dieser Methoden sind die frühen Projektteile des KiMiss-Projektes in der Medizinischen Statistik und der Klinischen Psychologie angesiedelt. Methoden der Epidemiologie kommen zum Einsatz, wenn diagnostische Methoden oder Bevölkerungs-bezogene Analysen relevant sind.

Ausblick: Kindeswohl ist eine vielschichtige Summe

KiMiss-Methodik behandelt Kindeswohl unter konflikthafter Trennung und Scheidung von Eltern. Wie viel Lebensqualität eine Kindheit hat, entscheiden jedoch nicht nur negative, sondern auch positive Faktoren, wie sie u. a. durch Begriffe wie Fürsorge, Resilienz, positive Ressourcen, etc. zum Ausdruck kommen. Lebensqualität ist eine Summe vielschichtiger Faktoren. Ein quantitativ ganzheitlicher Ansatz zum Thema Kindeswohl scheint jedoch in ferner Zukunft zu liegen. Das KiMiss-Projekt wählt einen ersten Ansatz darin, die Negativ-Faktoren zu beschreiben, die von einer guten Kindheit subtrahiert werden müssen.

Publikationen

  • Duerr HP (2022). Kindeswohl-Verlust durch feindselig-aggressive Elterntrennung: Erkennen, Bestimmen, Handeln. In: Familienrechtliche Gutachten und Verfahren auf dem Prüfstand. Hrsg.: W Körner, G Hörmann. ISBN 978-3-643-15463-7. Lit-Verlag.
  • KiMiss-Algorithmus 2019
    (Duerr HP, & Hautzinger M (2019). Quantifying the Degree of Interparental Conflict - the Spectrum Between Conflict and Forms of Maltreatment and Abuse. Child Indic Res 12: 319-330)
  • Datenbericht zur KiMiss-Studie 2016/17
  • KiMiss-Rating 2014
    (Duerr H-P, et al. (2015). Loss of Child Well-Being: A Concept for the Metrics of Neglect and Abuse Under Separation and Divorce. Child Indic Res 8: 867-885)
  • Datenbericht zur KiMiss-Studie 2012
In Ergänzung zu den Projekt-eigenen Publikationen sei auch auf eine ähnliche Studie des Allensbach-Instituts aus dem Jahr 2017 verwiesen: Getrennt gemeinsam erziehen - Befragung von Trennungseltern .

Master-Arbeiten

  • Diagnostik und Prävention von feindseliger Elternschaft in familiengerichtlicher Begutachtung (M. Sc., C. M. Pfänder, Univ. Tübingen)
  • Nicht-sexuelle Formen von Kindesmissbrauch und -misshandlung am Beispiel von familienrechtspsychologischen Sachverständigengutachten (M. Sc., A. Kaluza, Univ. Tübingen)
  • Einflussgrößen auf Entfremdung unter hochstrittiger Elterntrennung - Empfehlungen zur Prävention (M. Sc., P. Weber, Univ. Tübingen)

Weiterführende Literatur

Siehe auch Literatur zum Thema Eltern-Kind-Entfremdung (Parental Alienation, PA).

Deutsch (Auswahl, nach Jahr 2000):

  • Baker, A. J. L., Fine, P. R. (2023). Entfremdung. Verlag G. H. Hofmann, Gemünden a. Main. ISBN 978-3-932737-83-1. www.hofmann-buch.de/978-3-932737-83-1.html
  • Boch-Galhau, W. von. (2018). Parental Alienation (Syndrome) - Eine ernst zu nehmende Form von psychischer Kindesmisshandlung. Neuropsychiatrie (2018) 32:133-148.
  • Andritzky, W. (2012). Parental Alienation: Keine geringfügige Störung. Deutsches Ärzteblatt 84.
  • Katona, E. T. (2008). Der Verlust des eigenen Kindes durch Trennung und Scheidung. Verlauf des Kontaktabbruchs zum eigenen Kind und daraus resultierende Auswirkungen auf betroffene Eltern. VDM Verlag. ISBN: 9783639067255.
  • Rudolph, J. (2007). Du bist mein Kind. Berlin, Germany: Schwarzkopf & Schwarzkopf.
  • Schmidt, E., Mees, A. (2006). Vergiss, dass es Dein Vater ist! Ehemals entfremdete Kinder im Gespräch. Norderstedt, Germany: Books on Demand.
  • Warshak, R. A. (2005). Eltern-Kind-Entfremdung und Sozialwissenschaften. Sachlichkeit statt Polemik. Zentralblatt für Jugendrecht 5: 186-200.
  • Boch-Galhau, W. von, Kodjoe, U., Andritzky, W., Koeppel, P. (2003). Das Parental Alienation Syndrom, Eine interdisziplinäre Herausforderung für scheidungsbegleitende Berufe. Berlin, Germany: Verlag für Wissenschaft und Bildung.
  • Camps, A. (2003). Psychiatrische und psychosomatische Konsequenzen für PAS-Kinder. In von Boch-Galhau, W, Kodjoe, U, Andritzky, W, Koeppel, P (Eds.), Das parental alienation syndrom, Eine interdisziplinäre Herausforderung für scheidungsbegleitende Berufe, Berlin, Germany: Verlag fur Wissenschaft und Bildung.
  • Kodjoe, U. (2003). Die Auswirkungen von Entfremdung und Kontaktabbruch auf betroffene Eltern. In von Boch-Galhau, W, Kodjoe, U, Andritzky, W, Koeppel, P (Eds.), Das parental alienation syndrom, Eine interdisziplinäre Herausforderung für scheidungsbegleitende Berufe, (pp. 163-66). Berlin, Germany: Verlag für Wissenschaft und Bildung.
  • Andritzky, W. (2002). Verhaltensmuster und Persönlichkeitsstruktur entfremdender Eltern: Psychosoziale Diagnostik und Orientierungskriterien für Interventionen. Psychotherapie in Psychiatrie, Psychotherapeutischer Medizin und Klinischer Psychologie 7(2), 166-182.
  • Klenner, W. (2002). Szenarien der Entfremdung im elterlichen Trennungsprozess: Entwurf eines Handlungskonzepts von Prävention und Intervention. Zentralblatt für Jugendrecht 89(2), 48-57.
  • Koeppel, P. (2001). PAS und das deutsche Kindschaftsrecht (juristischer Aspekt). In Bäuerle, Siegfried, Moll-Strobel, Helgard (Eds.), Eltern sägen ihr Kind entzwei: Trennungserfahrungen und Entfremdung von einem Elternteil (pp. 65-78). Donauwörth, Germany: Auer Verlag.
  • Jopt, U. J., Behrend, K. (2000). Das Parental Alienation Syndrome (PAS) - Ein Zwei-Phasen-Modell I und II. Zentralblatt für Jugendrecht 87(6), 223-231 und 87(7), 258-271.

Englisch (Auswahl, nach Jahr 2000):

  • Kruk E. (2023). Countering Denialism About Parental Alienation. Psychology today, 2023/11/8.
  • Harman, J. J., Warshak, R. A., Lorandos, D., Matthew J. Florian. (2022). Developmental Psychology and the Scientific Status of Parental Alienation. Developmental Psychology 42p.
  • Steinberg, L. (2021). You're Not Crazy: Overcoming Parent/Child Alienation. Los Angeles, CA: Steinberg, L.
  • Harman, J. J., Mandy L. Matthewson, Baker, A. J. L. (2021). Losses experienced by children alienated from a parent. Current Opinion in Psychology 437-12.
  • Bernet, W. (2020). PARENTAL ALIENATION AND MISINFORMATION PROLIFERATION. Family Court Review 58(2), 293-307.
  • Bernet, W. (2021). Recurrent Misinformation Regarding Parental Alienation Theory. The American Journal of Family Therapy 1-22.
  • Lorandos, D., Bernet, W. (2020). Parental Alienation Science And Law. Springfield, Illinois USA: Charles C Thomas.
  • Kruk E (2018). Parental Alienation as a Form of Emotional Child Abuse: Current State of Knowledge and Future Directions for Research. Family Science Review, Volume 22, Issue 4.
  • Harman, J. J., Kruk, E., Denise A. Hines. (2018). Parental Alienating Behaviors: An Unacknowledged Form of Family Violence. Psychological Bulletin 144(12), 1275-1299.
  • Harman, J. J., Biringen, Z. (2016). Parents Acting Badly: How Institutions and Societies Promote the Alienation of Children from Loving Parents. CreateSpace.
  • Baker, A. J. L. (2014). Parental Alienation as a form of psychological maltreatment. (Maltrattamento e Abuso all'Infanzia 16(1), 37-55.
  • Baker, A. J. L. (2013). Research that supports the validity and reliability of parental alienation. In Lorandos, D., Bernet, W., Sauber, S Richard (Eds.), Parental Alienation: The handbook for mental health and legal professionals, (pp. 322-347). Springfield, IL: Charles C Thomas.
  • Darnall, D. (2011). The psychosocial treatment of parental alienation. Child and Adolescent Psychiatric Clinics of North America 20(3), 479-94.
  • Bernet, W. (2010). Parental Alienation, DSM-5, and ICD-11. Sprinfield, IL: Charles C Thomas.
  • Darnall, D. (2010). Beyond divorce casualties: Reunifying the alienated family. Lanham, MD: Taylor Trade Publishing.
  • Andre, K. C., Baker, A. J. L. (2009). I don't want to choose: How middle school kids can avoid choosing one parent over the other. New York, NY: The Vincent J. Fontana Center for Child Protection.
  • Kuehnle, K., Connell, Mary. (2009). The evaluation of child sexual abuse allegations: A comprehensive guide to assessment and testimony. Hoboken, NJ: John Wiley & Sons.
  • Warshak, R. A.des. (2001). Divorce poison : protecting the parent-child bond from a vindictive ex. New York: ReganBooks.
  • Ellis, E. M. (2000). Divorce wars: Interventions with families in conflict. Washington DC: American Psychological Association.

Literaturrecherche zum Thema

Veröffentlichungen:
Weitere Seiten (Masterarbeiten):