KiMiss-Algorithmus: Methodik

Schätzung eines Gesamtverlusts von Kindeswohl

Das KiMiss-Rating-Verfahren stellt für jedes Item der KiMiss-Liste einen Score zur Verfügung, der den Schweregrad eines Elternverhaltens in Form eines prozentualen Verlusts von Kindeswohl beziffert. Sind in einer familiären Fallkonstellation mehrere Items beobachtbar, entsteht die Frage, in welcher Form die Scores der einzelnen Items summiert werden können, um einen Gesamtverlust von Kindeswohl schätzen zu können.

Eine mathematisch korrekte Summation von Items ist leicht zu gewährleisten im Gegensatz zu einer inhaltlich korrekten Summation - diese wird durch thematische Überlappungen von Items erschwert, deutlich z. B. bei den Items G025 und G127: Ein Elternteil, der sich an Umgangsterminen am Holen und Bringen des Kindes nicht beteiligt, wird sich wahrscheinlich auch nicht an den dabei entstehenden Fahrtkosten beteiligen (KiMiss-Studie 2012: P(G025|G127) = 87%).

Diese bedingten Wahrscheinlichkeiten ('Schnittmengen') dürfen bei einer Summenbildung nicht doppelt gewertet werden. Dies zu berücksichtigen ist praktisch jedoch nicht mehr möglich, wenn viele Items in einem Fall gleichzeitig auftreten: die Zahl der möglichen Überlappungen zwischen Items steigt überproportional mit der Zahl der zutreffenden Items und erreicht schnell Werte, die eine statistische Behandlung des Problems nicht mehr zulassen (z. B. Fall mit 10 Items: es gibt 1015 verschiedene Möglichkeiten, 10 aus 151 Items zu kombinieren). Die erforderlichen, empirischen Häufigkeiten von möglichen Fallkonstellationen, und der Grad ihrer Überlappungen, sind in Studien nicht ermittelbar.

Es erfordert daher eine andere Methode, um Item-Scores summieren zu können.

Elimination-below-Maximum Methode (EbM-Verfahren)

Eine Summation von Items kann dadurch erfolgen, dass Items mit thematischen Überlappungen bei der Summenbildung ausgeschlossen werden. In der Praxis bewährt sich, Items mit thematischen Überlappungen zu einem Themenbereich zusammenzufassen und bei einer Summenbildung nur dasjenige Item des Themenbereich zu berücksichtigen, das den höchsten R-Score besitzt (das schwerwiegendste Item). Weniger schwerwiegende Items, die einen kleineren R-Score innerhalb des Themenbereichs besitzen, werden damit eliminiert und tragen nicht zur Summe bei. Die Maximum-Methode schätzt den Gesamt-Verlust von Kindeswohl aus einer Summe von Items damit tendenziell über-optimistisch.

Die Bestimmung des Gesamt-Verlusts von Kindeswohl erfolgt bei der Maximum-Methode als Summe der Maxima der Themenbereiche, und dies impliziert, dass der ermittelte Summenscore proportional zur Anzahl der gewählten Themenbereiche ist: je größer die Zahl der Themenbereiche, desto größer wird der Summen-Score, weil mehr Maximum-Werte zur Summe beitragen. Der wahre Wert des Verlusts von Kindeswohl bleibt dadurch zunächst unbestimmbar, er kann jedoch durch untere und obere Abschätzungen eingegrenzt werden, wie folgt:

Untere Abschätzung des Gesamtverlusts von Kindeswohl

Die unterste Abschätzung, die möglich ist, besteht darin, dass von allen Items, die in einem Fall beobachtet werden, nur dasjenige mit dem maximalen R-Score berücksichtigt wird. Dies ist gleichbedeutend damit, dass alle Items der KiMiss-Liste inhaltlich einem einzigen Themenbereich untergeordnet werden. Da dies unrealistisch konservativ ist, müssen weitere Themenbereiche gebildet werden.

Ein grobes Verfahren zur thematischen Klassifikation von feindlich-aggressiven Elternverhaltens könnte z. B. das 'target' des Elternverhaltens adressieren und zwischen den folgenden vier Themenbereichen unterscheiden:

  1. Elternverhalten, das sich gegen das Kind richtet,
  2. Elternverhalten, das sich gegen den anderen Elternteil richtet,
  3. Elternverhalten, das sich nicht in die beiden vorgenannten Themenbereiche einordnen lässt und eher die 'Familie als Ganzes' betrifft, und
  4. alle anderen Sachverhalte, die sich nicht in den Themenbereichen 1 bis 3 klassifizieren lassen.

Die Annahme, dass sich ein familiäre Gesamt-Situation durch nur vier Themenbereiche repräsentieren lässt, liefert über-optimistische Summenwerte und damit eine untere Abschätzung, die besagt, dass der ermittelte Gesamtverlust von Kindeswohl oberhalb dieses Werts liegen muss. Die untere Abschätzung führt daher zur inhaltlichen Aussage "der wahre Verlust von Kindeswohl muss größer sein, als der Verlust, der durch die Summe von vier Themenbereichen verursacht wird".

Obere Abschätzung des Gesamtverlusts von Kindeswohl

Die oberste Abschätzung, die möglich ist, besteht darin, dass keine Klassifikation vorgenommen wird, und die Summenbildung auf der Basis aller Items erfolgt, die in einem Fall beobachtet werden (keine Elimination inhaltlicher Überlappungen). Dies ist gleichbedeutend mit der Annahme, dass jedes Item einen inhaltlich eigenständigen Themenbereich darstellt, was eine obere Abschätzung darstellt und über-pessimistische Summenwerte erzeugt. Die obere Abschätzung führt zur inhaltlichen Aussage "der wahre Verlust von Kindeswohl muss kleiner sein, als der Verlust, der durch die Summe aller Items verursacht wird".

Mittlere Abschätzung des Gesamtverlusts von Kindeswohl

Die Schätzung eines Gesamtverlusts von Kindeswohl hängt also davon ab, in wie viele Themenbereiche die Items der KiMiss-Liste eingeordnet werden: Ein EbM-Verfahren wirkt unterschätzend, wenn es zu viele Items eliminiert und es wirkt überschätzend, wenn es inhaltliche Überlappung nicht ausreichend eliminiert. Die Korrektur von Über- oder Unterschätzungen erfordert Möglichkeiten der Adjustierung des Algorithmus, wie folgt.

Adjustierung und Kalibrierung des EbM-Verfahrens

Verfahren zur Quantifizierung von menschlichen Bewertungen und Meinungen sind nicht exakt und erfordern Möglichkeiten der Adjustierung. Eine Befragungsstudie unter Betroffenen lässt z. B. Überschätzungen oder sog. over-reporting erwarten, wenn die berichteten Sachverhalte nicht unabhängig validiert werden. Bei einer Datenerfassung durch externe Beurteiler sind demgegenüber eher Unterschätzungen oder under-reporting zu erwarten, z. B. verursacht durch eine unvollständige Erfassung der Gesamtsituation. Abweichungen von beiden Tendenzen sind dabei möglich. Eine Korrektur von möglichen Unter- und Überbewertungen erfolgt in einem EbM-Verfahren durch Kalibrierungsfaktoren.

Weitere Details hierzu werden in der entsprechenden Publikation beschrieben.